Warum es keine Formel pro Liter gibt
Weil das zuständige Fachgutachten feste Zahlen ablehnt: Das Gutachten des Bundeslandwirtschaftsministeriums hält verbindliche Besatzangaben für nicht sinnvoll, da etwa Alter, Fortpflanzung und Einrichtung des Beckens stark variieren [1].
Die bekannte „Zentimeter-Regel“, die Fischlänge mit einer Literzahl gleichsetzt, ist in keiner geprüften Fachquelle belegt und taugt nicht als Regel. Sie übergeht Endgröße, Körperbau, Schwimmverhalten und Gruppengröße: Ein massiger Fisch von zehn Zentimetern braucht anderen Platz als zehn Fische von je einem Zentimeter.
Statt einer Formel nennt das Gutachten Kriterien, nach denen sich der Platzbedarf richtet [1]:
- Mindest-Kantenlänge des Beckens je Art [2]
- Endgröße der Tiere: Die Mindestmaße gelten für ausgewachsene Fische [1]
- Gruppengröße und Sozialverhalten [1]
- Revierverhalten [1]
- Geschlechterverhältnis [1]
- Struktur und Verstecke: Ein kleineres, gut gegliedertes Becken kann laut Gutachten mehr Fische tragen als ein großes, leeres [1]
Viele Fische sind bei der Abgabe noch nicht ausgewachsen. Plane deshalb immer mit der Endgröße.
Wie groß muss das Becken mindestens sein?
Das Gutachten nennt 54 Liter als Mindestmaß für die dauerhafte Haltung von Fischen und empfiehlt, 60 Liter nicht zu unterschreiten [1]. Ein Standardbecken mit 60 cm Kantenlänge (60 × 30 × 30 cm) fasst 54 Liter [1].
In Deutschland ist das Gutachten kein Gesetz, aber der fachliche Maßstab. In Österreich ist die dauerhafte Haltung auch kleiner Fischarten in Aquarien unter 54 Litern durch die Tierhaltungsverordnung verboten [3]. Das Schweizer Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) empfiehlt mindestens 54 Liter und rät, Überbesatz zu vermeiden [4].
Wie viele Fische dürfen in ein 30-Liter-Aquarium? Für die dauerhafte Haltung nach Gutachten keine: 30 Liter liegen unter dem Mindestmaß [1], in Österreich wäre es verboten [3]. Für Garnelen und Schnecken gibt es keine vergleichbare belegte Mindestgröße.
Auch für den Kampffisch (Betta splendens) nennen das deutsche Gutachten und die österreichische Verordnung 60 cm Kantenlänge [2] [3]. Unsere Hausregel: Kampffisch ab 54 Litern, in Österreich ist das Pflicht [3].
Welche Fischarten eignen sich für ein 54-Liter-Aquarium?
In der Tabelle des Gutachtens haben zum Beispiel Neonsalmler, Kardinalfisch, Metallpanzerwels (Corydoras aeneus), Guppy, Platy und Zebrabärbling 60 cm Kantenlänge als Mindestmaß [2]; das entspricht dem 54-Liter-Becken [1]. Das sind Mindestmaße, keine Besatzempfehlung: Wie viele Tiere und welche Arten zusammen passen, folgt daraus nicht.
| Art | Mindest-Kantenlänge | Sozialverhalten | Temperatur |
|---|---|---|---|
| Neonsalmler | 60 cm | gesellig (ab 5) | 20–28 °C |
| Metallpanzerwels (Corydoras aeneus) | 60 cm | gesellig (ab 5) | 20–30 °C |
| Guppy | 60 cm | gesellig (ab 5) | 20–30 °C |
| Platy | 60 cm | keine Angabe | 18–28 °C |
| Schwertträger | 80 cm | keine Angabe | 22–28 °C |
| Goldfisch | 100 cm | gesellig (ab 5) | 4–30 °C |
Mindestmaße für ausgewachsene Tiere laut Tabelle des Gutachtens (Stand 1998), keine Besatzempfehlung. 60 cm entsprechen 60 × 30 × 30 cm (54 l), 80 cm etwa 112 l, 100 cm etwa 200 l. Gesellig = mindestens 5, Schwarm = mindestens 10 Tiere einer Art. Quellen: [2] [1]
Die Tabelle nennt auch unterschiedliche Temperaturbereiche, etwa 16–30 °C für den Kardinalfisch und 18–28 °C für den Zebrabärbling [2]. Arten, die du zusammen halten willst, müssen auch bei Temperatur und Wasserwerten zusammenpassen. Beschränke dich im kleinen Becken auf wenige Arten.
Nicht in ein 54-Liter-Becken gehören Arten mit größerem Mindestmaß. Für den Antennenwels (Ancistrus) nennt die Tabelle mindestens 80 cm Kantenlänge, ebenso für den Schwertträger; bei ihm vermerkt sie, dass Männchen untereinander aggressiv sind [2]. Segelkärpfling und Goldfisch stehen dort mit 100 cm [2], das entspricht dem Standardbecken mit etwa 200 Litern [1].
Wie viele Tiere einer Art?
Das Gutachten nennt für gesellig lebende Arten mindestens fünf Tiere, für Schwarmfische mindestens zehn [1]. Neonsalmler, Guppy und Panzerwels sind in der Tabelle als „gesellig“ eingestuft [2]; beim Platy fehlt eine Angabe zum Sozialverhalten [2].
Wie groß muss ein Aquarium für zwei Fische sein? Das lässt sich nicht pauschal beantworten: Zwei Tiere einer geselligen Art sind nach Gutachten kein Besatz. Plane bei geselligen Arten mit mindestens fünf, bei Schwarmfischen mit mindestens zehn Tieren [1]. Größere Mindestgruppen, wie sie in Hobbyquellen oft genannt werden, sind nicht belegt. Prüfe, ob die Gruppe zum Mindestmaß der Art und zu deinem Filter passt.
Auch für Guppys in 54 oder 120 Litern gibt es keine belegte Zahl. Belegt ist: Guppys sind gesellig (ab fünf), brauchen mindestens 60 cm Kantenlänge und 20–30 °C [2]. Sie sind lebendgebärend; das Geschlechterverhältnis ist laut Gutachten ein Kriterium bei der Planung [1]. Rechne mit Nachwuchs und überlege vorher, wohin er soll.
Und bei 100, 200 oder 300 Litern?
Auch dafür gibt es keine belegte Fischzahl [1]. Mehr Volumen erlaubt größere Arten und mehr Gruppen; die Grenze setzen Mindestmaß, Gruppengröße, Einrichtung, Filter und Wasserwerte.
Wie viele Fische passen auf 100 Liter? Gehe schrittweise vor: Ein Standardbecken mit 80 cm Kantenlänge fasst etwa 112 Liter [1]. Wähle zuerst Arten, deren Mindestmaß zu deiner Beckenlänge passt [2], dann die Gruppengrößen nach Gutachten [1]. Setze die Tiere nach und nach ein und prüfe, ob Ammonium und Nitrit nicht nachweisbar bleiben (Hausregel).
Bei 200 Litern (Standardmaß 100 cm Kantenlänge [1]) kommen Arten in Frage, für die die Tabelle 100 cm nennt, etwa der Segelkärpfling [2]. Für Kaltwasserfische schreibt die österreichische Verordnung zusätzlich vor, dass das Becken mindestens zehnmal so lang und dreimal so tief ist wie die Endgröße des Fisches [3]. Ein Becken mit 120 cm Kantenlänge fasst als Standardmaß etwa 240 Liter [1]; auch für 240 oder 300 Liter gibt es keine belegte Fischzahl.
Je größer das Becken, desto mehr Struktur kannst du mit Pflanzen und Wurzeln schaffen. Das zählt besonders bei Arten, die Reviere bilden [1].
Fische nach und nach einsetzen
Fische ziehen erst ein, wenn das Becken eingefahren ist, und dann nicht alle auf einmal [5].
Unsere Hausregel: Rechne mit vier bis acht Wochen Einfahrzeit; fertig ist das Becken erst, wenn Ammonium und Nitrit nicht mehr nachweisbar sind. Mehr dazu unter Aquarium einfahren. Das tiermedizinische Handbuch beschreibt die Ammoniak-Anreicherung nach dem Besatz neuer Becken als „New Tank Syndrome“ [6]. Starterpräparate ersetzen das Messen nicht (Hausregel).
Auch im eingefahrenen Becken rät die Tierschutzorganisation RSPCA Australia, nicht viele Fische auf einmal einzusetzen [5]. Viele Tiere auf einmal bringen viele Ausscheidungen, die die Filterbakterien erst verarbeiten können, wenn sie sich vermehrt haben. Hausregel: Setze eine Gruppe ein, warte einige Tage, miss Ammonium und Nitrit, und erst wenn beide nicht nachweisbar sind, kommt die nächste Gruppe. Wie viele Tiere je Etappe, ist nicht belegt.
Woran merkst du, dass es zu viele sind?
Eine belegte Grenze für Überbesatz im Heimaquarium gibt es nicht, und kein Zeichen beweist ihn sicher. Hinweise geben die Wasserwerte und die Gesundheit deiner Tiere [6].
Das Gutachten nennt Nitrit, Nitrat und pH-Wert als Werte, die du mindestens alle 14 Tage kontrollieren solltest [1]. Sind Ammonium oder Nitrit im eingefahrenen Becken plötzlich messbar, kann das System überlastet sein; mögliche Ursachen sind ein zu kleiner Filter, zu gründliche Filterpflege oder zu viele Tiere. Steigt Nitrat zwischen den Wasserwechseln schnell an, ist das ein weiterer Hinweis. Unsere Hausregel: Nitrat unter 50 mg/l halten; in Österreich ist das die Vorgabe der Verordnung [3], empfindliche Arten brauchen unter Umständen weniger. Mehr dazu unter Nitrit und Nitrat im Aquarium.
In der tiermedizinischen Literatur gilt Überbesatz als Risikofaktor für Krankheiten, neben Stress, schlechter Wasserqualität und fehlender Quarantäne [6]. Zeichen wie Luftschnappen an der Oberfläche oder blasse Farben sind unspezifisch und können viele Ursachen haben. Miss dann die Wasserwerte und frag bei Krankheitszeichen eine Tierärztin oder einen Tierarzt mit Fischerfahrung.
Zu viele Fische – was jetzt?
Kurzfristig sicherst du die Wasserqualität, langfristig hilft nur, Tiere verantwortungsvoll abzugeben.
Miss zuerst Ammonium und Nitrit. Sind sie messbar, wechselst du häufiger Wasser, bis beide wieder nicht nachweisbar sind (Hausregel); wie viel und wie oft, steht im Ratgeber Wasserwechsel im Aquarium. Im normalen Betrieb eines eingefahrenen Beckens gilt unsere Hausregel von etwa 25 % alle ein bis zwei Wochen. Füttere sparsam: Fische werden laut Gutachten erfahrungsgemäß eher zu viel gefüttert [1].
Das löst das Grundproblem nicht. Ein größerer Filter hilft nur bedingt, weil der Schwimmraum knapp bleibt. Gib überzählige Tiere an einen Aquarienverein, ein kundiges Fachgeschäft oder eine Auffangstation ab [4].
Setze Tiere nie in Bäche, Flüsse oder Teiche aus. Das Tierschutzgesetz verbietet, ein Tier auszusetzen, um sich seiner zu entledigen [7]; auch das Schweizer BLV rät, Fische nicht auszusetzen, sondern einer Auffangstation zu übergeben [4]. Zeigen deine Tiere Krankheitszeichen, wende dich an eine Tierärztin oder einen Tierarzt, etwa mit der Zusatzbezeichnung „Zierfische“ [8].
Weitere Fragen
Gibt es einen Besatzrechner?
Einen belegten nicht. Rechner, die eine Fischzahl pro Liter ausgeben, beruhen auf Faustregeln wie der Zentimeter-Regel, die in keiner geprüften Fachquelle belegt sind. Das Gutachten des Ministeriums hält feste Besatzzahlen für nicht sinnvoll [1]. Der Platzbedarf richtet sich nach Art, Endgröße, Verhalten und Einrichtung.
Wie viele Garnelen passen auf 30 Liter?
Eine belegte Zahl gibt es nicht. Das deutsche Gutachten und die österreichische Verordnung regeln Fische, keine Wirbellosen wie Garnelen [2] [3], und eine Studie dazu haben wir nicht gefunden. Eine Zahl nennen wir deshalb nicht.
Zählen Schnecken und Garnelen zum Besatz?
Ja, im Sinne der Wasserbelastung: Auch Wirbellose fressen und scheiden aus. Eine belegte Regel, wie stark sie im Vergleich zu Fischen zählen, gibt es nicht. Bedenke sie bei der Planung trotzdem mit, auch wenn die Mindestmaße für Zierfische für sie nicht gelten.
Quellen
- Sachverständigengruppe (BMELF): Gutachten über Mindestanforderungen an die Haltung von Zierfischen (Süßwasser), Allgemeiner Teil, Stand 30.12.1998
- Sachverständigengruppe (BMELF): Gutachten Zierfische (Süßwasser), Spezieller Teil: Handelsrelevante Arten (Tabelle), Stand 30.12.1998, online BMLEH
- Österreich: 2. Tierhaltungsverordnung, BGBl. II Nr. 486/2004 idF BGBl. II Nr. 68/2017, Anlage 5 Mindestanforderungen an die Haltung von Fischen (konsolidiert, Stand 14.11.2017)
- Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV): Aquarienfische
- RSPCA Australia Knowledge Base: Why is water quality important when setting up a fish aquarium? Aktualisiert 1. Mai 2024.
- Francis-Floyd R, Petty BD (University of Florida College of Veterinary Medicine): Disorders and Diseases of Fish. MSD Veterinary Manual, Pet Owner Version, Review 02/2020, Update 04/2026.
- Tierschutzgesetz (TierSchG), §§ 2 und 3
- Tierärztekammer Nordrhein: Weiterbildungsordnung, Anlage B, Zusatzbezeichnung Zierfische (vom 20.12.2019)